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Kapstadt - Blog

Digitales Web-Tagebuch (Blog) zu Kapstadt

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Wolfgang Drechsler

41, ist vor 20 Jahren an Bord eines Containerschiffes in Südafrika angekommen und dort hängen geblieben. Seit 1990 arbeitet er in dem Land als Korrespondent.

Paris Hilton in Afrika

Südafrikaner sind nicht eben dafür bekannt, übergroße Leseratten zu sein. Von seinen 45 Millionen Einwohnern kaufen gerade einmal 300.000 regelmäßig Bücher, also weniger als 1 Prozent. Selbst die Tageszeitungen tun sich trotz vieler bunter Bildchen eher schwer: Die „Cape Times", Kapstadts Morgenzeitung, verkauft in der 3,5 Millionen Einwohner großen Küstenmetropole täglich kaum 50.000 Exemplare. Und auch der "Cape Argus" am Nachmittag liegt nur unmerklich darüber, trotz eines aufwendigen Wetterberichts.

Umso grösser mein Erstaunen, als ich am Montag von einem Kurzabstecher zurückkam und nirgendwo die "Sunday Times" vom Vortag auftreiben konnte. Sämtliche Läden am Atlantic seaboard waren komplett ausverkauft. Der Grund war schnell ermittelt: Paris Hilton war über Ostern unerwartet eingeschwebt - und hatte das Land in einen kleinen Ausnahmezustand versetzt. Ein moderner Messias? Angesichts des Empfangs, der ihr zuteil wurde, hätte man es fast glauben mögen.

Der Kult um vermeintliche Promis nimmt in Südafrika bisweilen groteske Züge an - und liefert ein kleines Psychogramm der Nation. Auf Partys begegnet man immer wieder stadtbekannten Gaunerm, weil es hierzulande vor allem zweier Dinge bedarf, um gesellschaftlich dazuzugehören: Geld und Charme. Hauptsache, der Gast ist berühmt.

Kein Wunder, dass Paris Hilton zunächst in Johannesburg und später in Kapstadt kraft ihrer bloßen Präsenz die Rockkonzerte überschattete, für die sie eigentlich gekommen war. Schließlich rockte auch ihr derzeitiger boyfriend Benji Madden mit. Zum Abschied dann das Ritual, das inzwischen zu fast jeder Promi-Reise nach Afrika gehört: die angedrohte Rückkehr. Auch Paris Hilton will wiederkommen, voraussichtlich schon im Juni, dann aber nicht als Groupie sondern im Rahmen einer "humanitären Tour". Zum Beweis wie ernst es ihr ist, wurde auch diesmal noch schnell ein Waisenheim besucht. Für mehr reichte es nicht, weil die After party im Fashion TV Cafe schon wartete.

Irgendwie fühlte ich mich an ein Buch erinnert, dass jeder lesen sollte, der die Dunkel hinter den vielen Afrikasklischees ein wenig ausleuchten möchte. „Mein Verräterherz“ von Rian Malan wurde zwar schon vor fast 20 Jahren verfasst, doch hat es wenig von seiner Faszination eingebüßt. Für mich gehört es noch immer zur Pflichtlektüre für all diejenigen, die ehrlich genug sind, sich zu fragen, ob sie dem Kontinent nicht mit mit einem ähnlichen Paternalismus gegenübertreten wie viele Promis - oder wie der Autor des Buches in seiner Jugend gegenüber seinem dunkelhäutigen Dienstmädchen und deren Familie. „Für mich war unsere Beziehung eine Art Symbiose", schreibt Malan. "Sie waren die Opfer, ich durfte ihr Retter sein."

Ein schicksalhafter Wind

Die Natur hat es zweifellos gut gemeint mit Kapstadt, das nicht umsonst mit Rio de Janeiro um den Titel der schönsten Stadt der Welt buhlt. Hier wie dort steigen die Berge direkt vom palmenbestandenen Strand aus auf. Dort wird die Silhouette vom Zuckerhut geprägt, hier vom majestätischen Tafelberg.


Trotzdem findet sich schon in den frühen Reiseberichten der Portugiesen eine gewisse Ambivalenz gegenüber dem malerisch gelegenen Südzipfel des schwarzen Kontinents. Nicht selten wird die Region schon in den ersten Aufzeichnungen von dem Fabelwesen Adamastor, einem Symbol für die Macht der Natur, verkörpert, das die lusitanischen Seefahrer auf ihren Entdeckungsfahrten gen Osten zu überwinden hatten.

Adamastor lauert in Form düsterer Sturmwolken an der Südspitze Afrikas und droht dort jeden zu vernichten, der das Kap umrundet und sich in seinen Herrschaftsbereich vorwagt. Viele Generationen südafrikanischer Dichter und Autoren haben in der jähzornigen Gestalt Adamastors bis in die Gegenwart jene Ambivalenz zum Ausdruck gebracht, die sie selbst gegenüber Afrika und der Region empfanden, in der die Kolonisierung der Kaprepublik einst begann. Die mythische Figur Adamastors diente ihnen dabei als Metapher für den Zusammenstoß zwischen Europa und dem schwarzen Kontinent, für den Widerstreit zwischen Neu und Alt.

Schon immer neigt die Beschreibung der Kapregion deshalb in der Literatur zu Extremen – entweder als ein Ort der Bedrohung oder Verheißung. Nichts verdeutlicht dies mehr als die Art und Weise, auf die Afrikas Südspitze einst ihren Namen erhielt: Auf der sturmgeschüttelten Hinreise nach Osten taufte Bartolomeu Diaz sie 1488 zunächst Cabo Tormentoso, auf der Rückreise voll guter Hoffnung auf ruhige See dann Cabo da Boa Esperanza.

Ich musste letzte Woche daran denken, als Kapstadt, ungewöhnlich spät in diesem Sommer, erneut von einem heftigen Südostpassat geschüttelt wurde. Wenn dieser Wind mit ganzer Kraft bläst, legen sich breite Wolkenbänder wie ein Tischtuch über den Tafelberg und rollen dann wie Lava von den Hängen auf die Stadt zu seinen Füßen. Der Wind, der aus den Tiefen des Südatlantik kommt, scheint Cape Town fast aus der Verankerung zu reißen. Tagelang schüttelt er Laternenpfähle und Fensterläden, fegt den Abfall durch die Gassen und pustet allen Dreck aufs Meer hinaus, weshalb die Capetonians ihn auch respektvoll den „Cape doctor“ nennen.

Draussen auf dem Meer entstehen dann die "Cape Rollers", gigantische Wellen, die Segelboote und Frachtschiffe unter sich begraben. Wenn Adamastor besonders heftig wütet und die Wolken so dick und pechschwarz sind, dass sie die Sonne verdunkeln, wird der Sturm auch “black South Easter” genannt. Kein anderer Wind ist wie er. Und niemand hat die Geschichte Kapstadts ähnlich stark geprägt wie der Südoster.

Doch genauso schnell wie er kommt, stirbt der Wind: Wenn er plötzlich nachlässt, wenn die Luft dann wie Champagner prickelt und das türkisfarbene Meer friedlich in der Sonne funkelt, ist die Kaphalbinsel so unbeschreiblich anmutig und mediterran, dass man nicht begreifen kann, weshalb die Südeuropäer weitersegelten und das Kleinod am Kap den protestantischen Nordländern aus der holländischen Tiefebene überließen. Adamastor muss die Karavellen von Vasco da Gama und Bartolomeu Diaz schlimm gepeitscht haben. So zogen die Portugiesen weiter - und errichteten ihre Stützpunkte weit entfernt an der warmen Korallenküste von Mosambik und in Ostafrika, von wo aus der Monsun sie schließlich über den Indischen Ozean nach Goa trug. Südafrikas Geschichte drehte sich im Wind.

Inzwischen hat sich der Südoster wieder gelegt. Das Osterfest soll windstill und heiß werden. Adamastor ist milde gestimmt. Doch sein nächster Wutausbruch ist gewiss, spätestens im Oktober, wenn er den Südsommer hineinweht. Niemand kann jedenfalls über Kapstadt sprechen, ohne diesen schicksalhaften Wind zu erwähnen. Es ist ein Wind, den ich liebe aber auch hasse. Und vielleicht können nur diejenigen, die jahrelang unter ihm gelebt haben, wirklich verstehen, was Ingrid de Kok meint, wenn sie schreibt:

Winter has passed. The wind is back

Window panes rattle old rust

Summer rising

(Cape Town Morning, aus ihrer Sammlung “Transfer”)

Rückkehr ins Land der Extreme

Als ich vor sechs Monaten auf ein Mini-sabbatical verschwand, war Südafrika, zumindest auf der Oberfläche, ein anderes Land. Allen Warnzeichen zum Trotz schien sich die Kaprepublik in ihrer unbekümmerten Art durch alle Probleme und Krisen zu wursteln. Die Wirtschaft wuchs, wenn auch nur langsam. Die lokale Randwährung erwies sich als unerwartet stabil, obwohl Südafrika bereits damals viel mehr importierte als exportierte – und somit klar über die eigenen Verhältnisse lebte. Und auch die Immobilienpreise kletterten munter weiter – trotz eines durchschnittlichen Anstiegs um über 350% in nur zehn Jahren.



Mit meiner Rückkehr in den Job ist nun aber im ganzen Land ein Stimmungsumschwung spürbar wie ich ihn so ausgeprägt kaum je erlebt habe. Urplötzlich dämmert es nun vielen Menschen auf welch dünnem Fundament die junge Demokratie am Kap steht – eine Erkenntnis, die der Rohstoffboom jahrelang verdeckt hatte. Viele strukturelle Probleme treten nun offen zu Tage.

Drei Ereignisse haben den (naiven) Optimismus in einen extremen Pessimismus verkehrt: Der Hauptgrund findet sich in der tiefen Führungskrise im regierenden ANC. Seit über zwei Jahren ist die frühere Widerstandsbewegung in einen erbitterten Machtkampf verstrickt, der all ihre Energien bindet. Auf der einen Seite steht der inzwischen fast völlig isolierte Präsident Thabo Mbeki, auf der anderen sein populistischer Herausforderer Jacob Zuma. Seit der Wahl Zumas zum ANC-Präsidenten im Dezember letzten Jahres kann nicht mehr ausgeschlossen werden, dass ein der Korruption angeklagter Politiker das Land nach den Wahlen im nächsten Jahr regieren wird. Vor allem viele Weiße befürchten, dass dann auch Südafrika den Weg des übrigen Afrikas geht – und packen nun bereits vermehrt ihre Koffer.

Die mit der Wahl Zumas verbundene Unsicherheit wird noch durch eine Stromkrise verschärft, die Südafrika seit Ende Januar heimsucht - und damit den schleichenden Niedergang des afrikanischen Hoffnungsträgers zu bestätigen scheint. Dabei waren der staatliche Energieriese Eskom und die ANC-Regierung seit zehn Jahren wiederholt davor gewarnt worden, dass Südafrika im Jahr 2007 über nicht mehr genug Strom verfügen würde, wenn es nicht umgehend neue Kraftwerke bauen und stillgelegte Anlagen wieder in Betrieb nehmen würde. Doch nichts geschah. Statt Elektrizität wurde viel heiße Luft generiert. In Rekordzeit wurde der einst extrem effiziente staatliche Stromriese Eskom von Präsident Mbeki und seinem ANC zu Tode reguliert.

In dem Wahn, alle Branchen in Südafrika rassisch repräsentativ zu besetzen, wurden zudem viele (weiße) Eskom-Ingenieure entlassen und durch oftmals nicht ausreichend qualifizierte Schwarze oder sogar überhaupt nicht ersetzt. Den Preis für diese überstürzte Transformation zahlen nun das Land und seine Menschen. Symptomatisch für den Ernst der Lage war vor sechs Wochen die temporäre Schließung der Minenindustrie, das wirtschaftliche Rückgrat Südafrikas. Mehrere Tage lang kam es wegen der stark reduzierten Stromzufuhr zu einem kompletten Produktionsstopp.

Ebenso bedenklich stimmt, dass Eskom als Teil seiner Sparkampagne gerade erst einen Stopp bei der Elektrifizierung aller Gebäudeprojekte verkündet hat, die größer als ein Einfamilienhaus sind. Dazu zählen auch Fabriken und Tankstellen. Man könnte meinen, Südafrika würde nun Wirtschaftssanktionen gegen sich selber verhängen. Größere Neuinvestitionen will Eskom jedenfalls am liebsten erst dann wieder zulassen, wenn das Unternehmen in vier oder fünf Jahren neue Stromkapazitäten zur Verfügung hat.

Zwei Jahre vor der Fußball WM steht das Land am Kap somit vor der größten Bewährungsprobe seit dem Ende der Apartheid. Viele ausländische Investoren haben ihr Urteil bereits gefällt: Eine ganze Reihe von ihnen zieht vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Unsicherheit das Geld ab, das Südafrika nun eigentlich zur Finanzierung seines hohen Defizits in der Leistungsbilanz braucht. Die Folge: Seit Jahresbeginn hat der Rand durch die hohen Abflüsse fast 30% zum Euro aber auch mehr als 10% zum schwachen Dollar verloren. Wenn eine Währung der Aktienkurs eines Landes ist, wie es gemeinhin heißt, dann steht es um Südafrika gewiss nicht zum Besten.

Gleichwohl wäre es falsch, angesichts der jüngsten Rückschläge nun in Panik zu verfallen wie Südafrika dies gerne tut. Wer das Land über die Jahre begleitet hat, der weiß, dass die Kaprepublik schon immer ein Land der Extreme gewesen ist und wohl auch bleiben wird: Mal himmelhoch jauchzend, dann wieder zu Tode betrübt. Eine Mitte gibt es nicht.

Auch die gegenwärtige Depression wird sich deshalb wohl wieder lösen, womöglich zur Fußball WM 2010 in zwei Jahren. Doch dafür braucht Südafrika dringend kompetentere Führer, die mit mehr Engagement und Weitblick als der total enttäuschende Thabo Mbeki gegen die aus dem Ruder gelaufene Gewalt oder die Stromkrise vorgehen. Vielleicht kann die gegenwärtige Krise das Land wachrütteln und ihm die Dringlichkeit zum schnellen Handeln vor Augen führen. Denn sicher ist nur dies: Wenn die Johannesburger Börse auch in den nächsten Jahren weiter klettern und die Fußball WM wirklich die ersehnten Impulse bringen soll, müssen die strukturellen Defizite am Kap schleunigst behoben werden.

Jenseits von Afrika

„Afrika laugt dich aus“ klagte der schwarze Journalist Keith Richburg vor ein paar Jahren in einer von tiefer Bitterkeit durchtränkten Abrechnung mit dem Schwarzen Kontinent. In seinem umstrittenen Buch „Jenseits von Amerika“, bei dem es sich um einen einzigen schweren Verstoß gegen die Denkverbote der „political correctness“ handelt, beschreibt der frühere Afrika-Korrespondent der „Washington Post“ zum einen die Enttäuschung eines Afro-Amerikaners über die vergebliche Suche nach seinen ethnischen Wurzeln. Daneben legt der Autor in dem Buch seinen Finger aber auch in die schwärenden Wunden Afrikas – die Machtgier seiner Führer, den Wildwuchs der Korruption, die skrupellose Grausamkeit und den fehlenden Respekt vor dem Menschenleben.


Richburg provoziert bewusst – und versteht sein Buch als ernüchternden Kontrapunkt zu dem Filmklassiker „Jenseits von Afrika“, der das exotische Afrikabild genauso einseitig bedient wie die vielen Melodramen, die zu Jahresbeginn fast im Wochentakt über bundesdeutsche Bildschirme flimmerten. „Ich bin die Ignoranz und Heuchelei über Afrika leid“ schreibt Richburg entnervt. „Denn ich habe jahrelang zwischen seinen Leichen gelebt“.

Mancher Korrespondent ist an Afrika ähnlich zerbrochen wie Richburg, darunter viele jener Afro-Idealisten, die meinten, Afrika müsse allein schon deshalb gut und harmonisch sein, weil es eben afrikanisch sei – ein farbenprächtiger Kontinent voll lebensfroher Menschen, der allein durch die gnadenlose Ausbeutung der Weißen zurückgeworfen wurde und folglich quasi unverschuldet in Armut geraten ist. Enttäuschte Liebe ist eben besonders schmerzhaft.

Afro-Realisten wie ich sind weit davon entfernt, an Afrika zu verzweifeln, schon weil sie um seine kulturimmanenten Beschränkungen wissen und deshalb auch keine überzogenen Erwartungen hegen. Wer jahrelang aus diesem Krisenkontinent berichtet, muss in seinem Herzen ohnehin ein ewiger Optimist sein. Zwei Gründe haben mich Anfang Oktober nach über 15 Berufsjahren dennoch zu einem viermonatigen Mini-sabbatical bewogen: Zum einen der Wunsch nach etwas Zeit, um wieder einmal ohne Termindruck durch "meinen" Kontinent und andere Weltregionen zu streifen. Zum anderen das Bedürfnis, in Ruhe über die eigene Berichterstattung nachzudenken – und eine gewisse Distanz zum Objekt der eigenen Beobachtung zu entwickeln.

In puncto Afrika erscheint dies schon deshalb angebracht, weil die Lage hier zurzeit so verfahren wie lange nicht mehr ist. Von einer Aufbruchsstimmung oder gar einer neuen Geisteshaltung, wozu etwa die Bereitschaft zu mehr Eigenverantwortung zählen würde, ist auf dem schwarzen Kontinent derzeit jedenfalls wenig zu spüren. Die fast einmütige Unterstützung seiner Staatschefs für Robert Mugabe und ihr Beharren darauf, dass der simbabwische Despot an dem für Dezember geplanten EU-Afrika-Gipfel in Lissabon teilnimmt, sind nur ein weiteres Indiz dafür, wie schwer sich seine Führer noch immer mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme ihrer Misere tun.

Dass Europa dem Drängen der Afrikaner nachgegeben und Mugabe trotz der zuvor gegen ihn und sein Unrechtsregime verhängten Sanktionen die Gipfelteilnahme nun doch ermöglicht hat, ist ein Armutszeugnis für die Europäer und ihre konfuse Afrikapolitik. Das peinliche Einknicken zeigt von neuem, dass Europa angesichts seines tiefen kolonialen Schuldkomplexes gegenüber Afrika noch lange nicht in der Lage ist, bei der notwendigen Neuausrichtung des Nachbarkontinents mit der erforderlichen Ehrlichkeit Beistand zu leisten. Ebenso bedrückend ist, dass die westliche Afrikapolitik inzwischen immer mehr von Rockstars und Hollywoodsternchen beeinflusst wird, die das unselige Helfer-Patient-Syndrom weiter perpetuieren. Kein Zweifel: Der gegenwärtige Mix ist ein wenig guter.

Trotz der bedenklichen Entwicklung bin ich von der abgrundtiefen Enttäuschung eines Keith Richburgs noch weit entfernt. Im Gegenteil: die Zuneigung zu Afrika und seinen Menschen ist ungebrochen, genau wie die Hoffnung, dass der so weit zurückgefallene Kontinent eines Tages mehr Erfolgsgeschichten schreibt - und damit womöglich doch noch Anschluss an den Rest der Welt findet.

Gewöhnliche Dinge in außergewöhnlichen Zeiten

Pius Ncube ist einer der mutigsten Menschen in Simbabwe. Mit seiner scharfen Kritik an der Terrorherrschaft von Robert Mugabe ist der Erzbischof von Bulawayo längst zum Gewissen seines geschundenen Landes geworden – genauso wie einst der frühere Kapstädter Erzbischof Desmond Tutu in Südafrika. Dabei hat Ncube nur das getan, was eigentlich die Pflicht eines jeden Demokraten wäre: Er hat Afrikas Führer und allen voran den nun am Kap regierenden Afrikanischen Nationalkongress (ANC) unermüdlich aufgefordert, endlich auch in Simbabwe für jene Werte einzustehen, die der früheren schwarzen Widerstandsbewegung in ihrem Kampf gegen die weiße Vorherrschaft angeblich soviel bedeuteten.


Doch seit Jahren stößt Ncube auf taube Ohren: Südafrika hat sich im Angesicht des verheerenden Niedergangs in Simbabwe nicht nur in Schweigen gehüllt, sondern Mugabe mit der gewährten Unterstützung zu immer dreisterem Verhalten ermuntert. Symptomatisch für die engen Bande zwischen dem ANC und Mugabes Zanu-PF ist, dass Südafrikas Vize-Außenminister Aziz Pahad, zweifelsohne mit Unterstützung von Präsident Mbeki, gerade erst auf einer Teilnahme Mugabes an dem zum Jahresende geplanten EU-Afrika-Gipfel beharrte. Das eigentlich bereits für 2003 geplante Treffen war immer wieder verschoben worden, weil die EU sich bislang weigerte, ihr gegen Mugabe verhängtes Reiseverbot zum Zweck einer Gipfelteilnahme des Diktators kurzzeitig auszusetzen.

Ebenso unbegreiflich wie das Verhalten Südafrikas ist jedoch der Opportunismus der portugiesischen Regierung. In dem Bestreben, seiner gerade begonnenen EU-Präsidentschaft ein eigenes Profil zu geben, plant Portugal eine enge Partnerschaft der EU mit Afrika und scheint deshalb nun doch bereit zu sein, Mugabe zum Gipfel nach Lissabon einzuladen. Dies wäre schon deshalb ein verheerendes Signal, weil die letzten Reste der simbabwischen Zivilgesellschaft gegen den Terror Mugabes nur dann eine Chance haben, wenn der Despot anhaltenden Druck aus dem Ausland spürt. Jede künftige Sanktions-Drohung der EU würde zudem zur Farce werden, wenn Mugabe tatsächlich in Portugal als Staatsgast hofiert würde.

Ein schwacher Trost bleibt: Simbabwes Wirtschaft ist gerade spektakulär an die Wand gefahren. Das Land pfeift nach dem Totalkollaps der Währung aus dem letzten Loch - und ist nun mehr denn je auf die Unterstützung aus Südafrika angewiesen. Zwar wird Simbabwe diese Hilfe wohl abermals erhalten, doch ist unwahrscheinlich, dass Mugabe im Dezember noch im Amt sein wird und der Einladung nach Portugal Folge leisten kann. Umso peinlicher wäre es für die EU, im letzten Moment doch noch einzuknicken und den Afrikanern in ihrem absurden Beharren auf einer Gipfelteilnahme Mugabes nachzugeben, wie es nun den Anschein hat.

Der Schriftsteller John le Carre schrieb in einem seiner Romane einmal, dass ein Held keine außergewöhnliche Person sei, die außergewöhnliche Dinge in außergewöhnlichen Zeiten tue. Ein Held sei vielmehr eine gewöhnliche Person, die gewöhnliche Dinge in außergewöhnlichen Zeiten täte. Menschen wie Bulawayos Erzbischof Pius Ncube.

Aus Weiß mach Schwarz

Seit dreizehn Jahren ist die Apartheid in Südafrika offiziell vorüber, doch ihr Vermächtnis ist auch heute noch schwer zu übersehen. Schwarz und Weiß leben fast überall getrennt voneinander. Und auch die Wirtschaft befindet sich trotz eines ganzen Arsenals an Antidiskriminierungsgesetzen und immer neuen Quoten fest in weißer Hand. In ihrem Bemühen, die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit zu beseitigen, legt Südafrikas von Schwarzen geführte Regierung nun jedoch einen Eifer an den Tag, der immer öfter in erschreckender Weise an vergangen geglaubte Zeiten erinnert.

Anders als in Simbabwe, wo der Rassismus der schwarzen Machthaber ganz offen praktiziert wird, werden die Weißen in Südafrika heute eher schleichend zu Bürgern zweiter Klasse erklärt. So hat der ANC im Zuge seiner Politik des „Black Empowerment“, also der Bevorzugung Schwarzer, rassische Kriterien zum Maß aller Dinge erhoben. Selbst die eigentlich in der Verfassung verankerte Gleichheit vor dem Gesetz wird immer häufiger gebeugt. So beabsichtigt der Staat nun eine Intervention im Sport. Butana Komphela, Mitglied des regierenden ANC und Vorsitzender des parlamentarischen Sportausschusses, kündigte jedenfalls gerade erst an, dass Südafrikas nächste Olympiamannschaft „das letzte blütenweiße Team“ sein werde, dass die Kaprepublik international repräsentieren werde.

Südafrikas Sportler werden in Zukunft also eine weitere Qualifikation mitbringen müssen – die dunkle Hautfarbe. Vieles deutet darauf hin, dass ausgerechnet die Kaprepublik nach dem Ende der unseligen Apartheidsära erneut Rassenkriterien per Dekret verankern wird – auch im Sport. Bis zur Fußball-WM 2010 sollten die Nationalteams, so Sportminister Makhenkesi Stofile, in jeder Sportart zu einem „vernünftigen Spiegel der demografischen Zusammensetzung des Landes“ werden. Gegenwärtig werden nach seinem Dafürhalten vor allem in Teamsportarten aber auch im Sportmanagement zu wenig schwarze Südafrikaner berücksichtigt.

Dabei ist etwa das Olympiateam für 2008 keineswegs mehr so „blütenweiß“, wie Komphela Glauben macht. Immerhin sind inzwischen fast 40 Prozent der Athleten schwarz – mehr als bei der letzten Olympiade in Athen. Komphela beharrt jedoch darauf, dass Südafrikas Sport den rassischen Proporz im Lande widerspiegelt: 77 Prozent schwarz, 9 Prozent weiß, 8 Prozent farbig und etwa 4 Prozent Südafrikaner indischer Abstammung. Mannschaften, die nicht in das demographische Profil passen, dürften das Land nach der Verabschiedung eines entsprechenden Gesetzes künftig nicht mehr repräsentieren, sagt Komphela.

Dabei ist derzeit noch völlig ungeklärt, nach welchen Kriterien der Gesetzgeber bestimmen will, wer in den Genuss der von den Machthabern in Aussicht gestellten rassischen Vorzugsbehandlung kommt. Um die gewünschte Wirkung zu erzielen, müsste das Gegengift eigentlich nach den selben Kriterien injiziert werden wie einst das Gift der Apartheid: nach den Gesetzen von Pretorias berühmt-berüchtigter Rassenklassifikation. Damals nahmen Beamte in Zweifelsfällen die Physiognomie eines Prüflings unter die Lupe, etwa indem sie die Krausheit der Haare untersuchten.

Die Doktrin der richtigen Hautfarbe als wichtigem Auswahlkriterium könnte freilich verheerende Folgen für die Effizienz des Staates und die Wettbewerbsfähigkeit der Sportteams vom Kap haben. Staatspräsident Thabo Mbeki bereitet die bei Misserfolgen schnell aufgebrachten Sportfans in den Townships jedenfalls schon einmal auf die Konsequenzen der Umstellungen in den Nationalmannschaften vor. „Wir müssen etwas weniger ans Gewinnen denken“, empfiehlt Mbeki, „und etwas mehr an die Einheit unserer Nation.“

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